Bruxismus verstehen: So hilft Physiotherapie Stuttgart bei Zähnepressen und Zähneknirschen
- isabelle-jackwerth
- 23. Juli
- 4 Min. Lesezeit

Viele Menschen knirschen oder pressen unbewusst mit den Zähnen. Dieses Phänomen wird als Bruxismus bezeichnet und betrifft Schätzungen zufolge bis zu 20 Prozent der Erwachsenen. Was zunächst harmlos erscheint, kann langfristig zu Beschwerden im Kiefer-, Nacken- und Kopfbereich sowie im gesamten Bewegungsapparat führen.
In unserer Physiotherapie Stuttgart behandeln wir regelmäßig Patientinnen und Patienten, deren Schmerzen auf eine Überlastung der Kaumuskulatur oder eine Funktionsstörung des Kiefergelenks (CMD) zurückzuführen sind. Eine frühzeitige physiotherapeutische Behandlung kann dabei helfen, die Beschwerden zu lindern und die Entstehung chronischer Schmerzen zu verhindern.
Was ist Bruxismus?
Der Begriff Bruxismus beschreibt eine wiederkehrende Aktivität der Kaumuskulatur, bei der die Zähne gepresst oder geknirscht werden bzw. der Unterkiefer angespannt wird. Heute wird - je nach Zeitpunkt des Auftretens - zwischen zwei Formen unterschieden:
Schlafbruxismus (Nachtbruxismus): Er tritt während des Schlafes auf und erfolgt unbewusst. Dabei kann es sowohl zum kräftigen Zusammenpressen als auch zum Knirschen der Zähne kommen. Viele Betroffene erfahren erst durch ihren Zahnarzt oder ihre Partnerin bzw. ihren Partner davon. In geringer Ausprägung kann der Schlafbruxismus als normale Aktivität während bestimmter Schlafphasen auftreten. Erst wenn Be-schwerden, Zahnschäden oder Schmerzen entstehen, wird eine Behandlung sinnvoll.

Wachbruxismus (Tagbruxismus): Hierbei stehen weniger knirschende Bewegungen als vielmehr das dauerhafte Zusammenpressen der Zähne oder eine anhaltende Anspannung der Kaumuskulatur im Vordergrund. Dies geschieht häufig während konzentrierter Bildschirmarbeit, beim Autofahren oder in Stresssituationen – meist ohne dass die Betroffenen es bemerken. Gerade der Wachbruxismus wird heute als wesentlicher Risikofaktor für muskuläre Beschwerden angesehen, da die Muskulatur über viele Stunden einer konstanten Belastung ausgesetzt sein kann.
Welche Ursachen hat Bruxismus?
Nach heutigem wissenschaftlichem Stand entsteht Bruxismus nicht durch eine einzelne Ursache, sondern ist multifaktoriell bedingt. Das bedeutet, dass meist mehrere biologische, psychologische und verhaltensbezogene Faktoren zusammenwirken, wie z.B.:

psychischer Stress und emotionale Belastungen
Konzentrationsphasen (z.B. Bildschirmarbeit, Lernen, ...)
schlafbezogene Faktoren (z.B. Schlafmangel, Schlafstörungen, ...)
bestimmte neurologische Erkrankungen
Medikamente und Genussmittel
Funktionsstörungen des Kiefergelenks
Fehlhaltungen der Halswirbelsäule
Vor allem Stress führt häufig dazu, dass Menschen unbewusst die Zähne zusammenpressen. Dadurch entsteht ein Kreislauf aus Muskelverspannung, Schmerzen und erneuter Anspannung. Betroffen sind v.a. jungen und mittelalte Erwachsene; mit zunehmendem Alter nimmt die Häufigkeit in der Regel wieder ab.
Welche Beschwerden können auftreten?
Schmerzen im Kiefergelenk
verspannte Kaumuskulatur
Kopfschmerzen (v.a. morgens oder nach langen Arbeitstagen)
Nacken- und Schulterschmerzen
Ohrgeräusche oder Druckgefühl im Ohr
eingeschränkte Mundöffnung
Knacken im Kiefergelenk
empfindliche oder schmerzende Zähne
abgenutzte Zähne (Zahnverschleiß)
Einkerbungen an Zunge und Wangen
Die Verbindung zwischen Kiefer und Nacken
Das Kiefergelenk und die Halswirbelsäule stehen über Muskeln, Faszien und Nerven in enger funktioneller Verbindung zueinander. Eine erhöhte Spannung der Kaumuskulatur kann daher zu Nackenbeschwerden führen. Umgekehrt können Funktionsstörungen der Halswirbelsäule die Belastung des Kiefergelenks erhöhen. Aus diesem Grund betrachtet eine moderne physiotherapeutische Behandlung stets den gesamten Bewegungsapparat und nicht nur den Kiefer.
Wie viel Zahnkontakt ist normal?
Viele Menschen gehen davon aus, dass die Zähne sich ständig berühren sollten. Tatsächlich ist jedoch das Gegenteil der Fall. Im gesunden Zustand haben Ober- und Unterkiefer den größten Teil des Tages keinen Kontakt zueinander. Zwischen den Zahnreihen besteht eine kleine Lücke, die sog. Ruheschwebelage. Die Lippen sind geschlossen, die Zähne berühren sich jedoch nicht.
Physiologischer Zahnkontakt entsteht nur beim:
Kauen
Schlucken
Sprechen bestimmter Laute
-> Insgesamt summiert sich dieser Kontakt im Alltag auf nur ca. 15-30 min pro Tag.
Welche Kräfte wirken beim Zähnepressen?
Unsere Kaumuskulatur gehört zu den kräftigsten Muskelgruppen unseres Körpers. Beim normalen Kauen entstehen zwar kurzzeitig hohe Kräfte, diese wirken jedoch nur für wenige Sekunden und wechseln sich mit Entlastungsphasen ab.
Anders verhält es sich beim Bruxismus: Beim anhaltenden Zähnepressen oder Zähneknirschen können erhebliche Kräfte auf Zähne, Kiefergelenke und Muskulatur einwirken. Je nach Person und Situation werden Beißkräfte von bis zu 800 Newton (vgl. 80 kg) gemessen. Entscheidend ist jedoch nicht allein die Höhe der Kraft, sondern vor allem ihre Dauer. Menschen mit Wachbruxismus pressen ihre Zähne über Minuten oder sogar Stunden mit einer vergleichsweise hohen Kraft zusammen.
Wie kann die Physiotherapie helfen?
Die physiotherapeutische Behandlung von Bruxismus richtet sich nach den individuellen Beschwerden sowie den zugrunde liegenden Funktionsstörungen. Das Ziel besteht darin, Schmerzen zu lindern, die Muskelspannung zu reduzieren und die normale Funktion des Kiefergelenks wiederherzustellen. Gleichzeitig lernen Betroffene, ungünstige Gewohnheiten im Alltag zu erkennen und zu ändern.

Manuelle Therapie
Mobilisation des Kiefergelenks sowie der Halswirbelsäule zur Verbesserung der Beweglichkeit. Gezielte myofasziale Techniken, durch die Verspannungen der Kaumuskulatur sowie der Muskulatur im Gesichts-, Hals- und Nackenbereich gelöst werden.
Patientenedukation
Viele Menschen, die unter Wachbruxismus leiden, bemerken gar nicht, dass sie tagsüber ihre Zähne zusammenpressen. In der Therapie werden gemeinsam belastende Alltagssituationen identifiziert und Strategien entwickelt, um den Kiefer bewusst zu entspannen. Ein einfacher Merksatz lautet:
„Lippen geschlossen, Zähne getrennt, Zunge locker am Gaumen.“
Haltungsanalyse und -schulung
Eine nach vorne verlagerte Kopfhaltung oder langes Sitzen am Computer können die Belastung des Kiefergelenks erhöhen. Die Physiotherapie analysiert deshalb die Körperhaltung und vermittelt Übungen, die eine aufrechte Haltung fördern und den Schulter-Nacken-Bereich entlasten.
Anleitung von Eigenübungen
Individuell angepasste Übungen helfen dabei, die Beweglichkeit des Kiefergelenks zu verbessern, die Koordination der Kaumuskulatur zu fördern, asymmetrische Bewegungsmuster zu korrigieren und die Entspannungsfähigkeit der Muskulatur zu verbessern. Um den Behandlungserfolg langfristig zu sichern, sollten diese Übungen regelmäßig zu Hause durchgeführt werden.
Entspannungs- und Atemtechniken
Da Stress ein wichtiger Auslöser von Bruxismus ist, können Atemübungen, Entspannungstechniken und Maßnahmen zur Verbesserung der Körperwahrnehmung sinnvoll in die Therapie integriert werden. Das Ziel besteht darin, die allgemeine Muskelspannung zu senken.
evtl. ergänzende Thermotherapie (z.B. Fango oder Coolpacks)
Was können Betroffene im Alltag selbst tun?
Neben der physiotherapeutischen Behandlung können auch kleine Veränderungen im Alltag dazu beitragen, die Belastung des Kiefergelenks zu reduzieren und Beschwerden langfristig vorzubeugen:
Achten Sie auf Ihre Zahnstellung im Alltag (s. Merkspruch).
Tragen Sie Ihre Aufbissschiene regelmäßig (falls vom Zahnarzt verordnet).
Reduzieren Sie bewusst Stress (z.B. Atemübungen, Progressive Muskelrelaxation, Yoga, ...).
Unterbrechen Sie die Bildschirmarbeit regelmäßig (ca. alle 30-60 min kurze Pause).
Achten Sie auf eine ergonomische Haltung (aufrechte Sitzposition, Bildschirm auf Augenhöhe, entspannte Schultern, ...).
Schlafen Sie ausreichend (z.B. regelmäßiger Schlafrhythmus und gute Schlafhygiene).
Kiefer nicht überlasten (z.B. kein Kaugummi kauen über längere Zeit, kein Fingernägel/Bleistifte kauen, weites Gähnen vermeiden, ...).

Fazit
Bruxismus umfasst sowohl den Schlaf- als auch den Wachbruxismus. Besonders das unbewusste Zähnepressen am Tag wird häufig unterschätzt und belastet das Kausystem über Stunden hinweg. Die Folgen sind häufig Schmerzen im Kiefer-, Kopf- und Nackenbereich sowie Funktionsstörungen des gesamten Bewegungssystems.
In unserer Physiotherapie Stuttgart unterstützen wir Sie mit einer individuellen Untersuchung und einem ganzheitlichen Behandlungskonzept. Unser Ziel ist es, die Ursachen Ihrer Beschwerden zu erkennen, muskuläre Spannungen zu reduzieren und Ihnen Strategien an die Hand zu geben, mit denen Sie Ihr Kausystem langfristig entlasten können.

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